Wer den Schaden hat …

… braucht für den Spott nicht zu sorgen. Oder, wie es in einer verballhornten Variante bekanntlich auch heißt: … spottet jeder Beschreibeung. Nun ja.140503_PIC_Tippfehler

Tippfehler sind lästig. Denn Tippfehler sind vermeidbar. Eigentlich. Dennoch kommen sie immer wieder vor. Dann aber wird es meist ärgerlich, vor allem für den Verfasser – in diesem Fall also für mich. Klingt dramatisch, ist es aber eigentlich nicht. Jedoch: Im Wahlkampf gelten meist andere Gesetze. Und ich stecke halstief im Kommunalwahlkampf! Also harre ich der Dinge, die da nun auf mich zukommen. Aber der Reihe nach …

Dass ich bei der Kommunalwahl am 25. Mai in Mülheim für den Rat der Stadt kandidiere, ist keine Neuigkeit. Dass ich mit meinem Ortsverein viel und regelmäßig den unmittelbaren Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern suche, auch nicht. Die lokale Presse berichtet häufig und meist wohlmeinend-neutral über unsere Arbeit. Folglich war es für die Bürgerinnen und Bürger in meinem Wahlkreis wohl auch kaum eine Überraschung, dass ich sie für Samstag, den 3. Mai, in der Zeit von 14 bis 16 Uhr zu einer Bürgersprechstunde im Stadtteil eingeladen habe. Das dazugehörige Einladungsschreiben in Form eines Flugblattes habe ich vor wenigen Tagen in annähernd 500 Briefkästen im Sprengel verteilt. Auch logistisch ist alles tip-top vorbereitet: Informationsmaterial, Visitenkarten, Kugelschreiber, Stehtisch, Sonnenschirm, Kekse und Mineralwasser stehen schon parat, um morgen zum Einsatz zu kommen.

Doch da stört eine kurze, elektronische Nachricht meine gelassene Vorfreude auf die morgigen Bürgergespräche: In mein hundertfach verteiltes Flugblatt hatte sich ein Tippfehler eingeschlichen. Noch dazu einer, der mich, den Verfasser, als mit den simpelsten Regelwerken der Schriftsprache beinahe unvertraut erscheinen lassen muss: »Sie haben eine Frage oder ein Anliegen? Sprechen Sie mich an – ich helfen gerne weiter!« Gemerkt? Ich gebe zu, ich habe auch drei bis fünf Blicke gebraucht, ehe mir der Lapsus ins Auge fiel: Dem Personalpronomen der ersten Person Singular habe ich das Verb »helfen« in der ersten Person Plural (grammatikalisch übrigens identisch mit dem Infinitiv des Verbs – dieser Hinweis nur, um dem Leser zu verdeutlichen, dass ich zumindest theoretisch weiß, wovon ich spreche beziehungsweise schreibe …) zur Seite gestellt. Sofern man nicht mit der typischen Betriebsblindheit gegenüber dem selbstverfassten Text geschlagen ist, tut ein solcher Fehler beim Lesen durchaus arg weh in den Augen. Nun, da ich selbst auch recht unsanft auf ihn gestoßen wurde, auch mir. Was soll ich sagen?

Ich könnte es mit einer technischen (und im Übrigen wahrheitsgemäßen) Erklärung versuchen: Die Druckvorlage, auf der mein Flugblatt basiert, diente ursprünglich der Vorstellung mehrerer Kandidaten. Folglich waren die einschlägigen Formulierungen denn auch in der Mehrzahl gehalten: »Sprechen Sie uns an – wir helfen gerne weiter!« Da im Wahlkampf immer die Hektik und der Zeitdruck regieren, habe ich ganz offensichtlich die Personalpronomen angepasst, jedoch nicht die Konjugation des Verbs. Und nun habe ich den Salat. Und den Spott womöglich. Und – um es einmal ganz deutlich zu sagen – zwar zurecht, denn der Fehler ist mein Fehler. Niemand anderen kann ich dafür verantwortlich machen. So weit so schlecht, hätte die ärgerliche Posse damit ihr Bewenden haben können. Aber nicht doch – es ist ja schließlich Wahlkampf!

Und so kündet die elektronische Botschaft, die mich noch recht humor- und verständnisvoll auf mein Missgeschick hinwies, davon, dass ein Adressat meiner Einladung den ganzen Vorgang für offenbar derart bedeutsam hielt – wie gesagt: Wahlkampf! -, dass ein verpixeltes Beweisfoto desselben flugs der örtlichen Presse zugeleitet wurde. Der Begleittext dazu ist mir nicht bekannt, doch in welchem Ton er gehalten war, kann man wohl unschwer erraten: »Da, schauen Sie mal: Der Kerl kann nicht mal richtig schreiben und sowas will gewählt werden!« Schadenfreude, gepaart mit der Genugtuung, einem von diesen Politikern mal so richtig gezeigt zu haben, was das doch samt und sonders für unnütze Deppen sind. Ein wenig Überlegenheitsgefühl womöglich. Nun ja, geschenkt. Und ich bin ehrlich: Hätte mich ein solcher faux-pas bei der politischen Konkurrenz nicht auch klammheimlich feixen lassen? Wahrscheinlich, sogar sehr. So gilt: »Wer austeilt, muss auch einstecken!« und: »Humor ist, wenn man trotzdem lacht.«

Und die Moral von der Geschicht‘? Ich hadere. Mit mir. Mit meinem unleubaren Hang, mitunter der Geschwindigkeit den Vorzug vor der Sorgfalt zu geben, wenn ich elektronisch schreibe. Und ich frage mich: Bekomme ich für dieses Malheur nun von schadenfrohen Wählern eine Quittung? Ehrlich gesagt: Ich hoffe und glaube es nicht. Denn jeder weiß, dass Fehler gerade dort passieren, wo Routine herrscht. Das gilt für den Dreher an der Werkbank ebenso, wie für den Chirurgen im OP oder eben den Redakteur, der doch eigentlich mit nichts anderem als dem Lesen und Schreiben seine Brötchen verdient. So gesehen bin ich dann doch froh, dass meine Fehler an der Tastatur bei Licht betrachtet letztlich weit weniger gravierend und folgenschwer sind, als anderer Leute Fehler an den Werkbänken und in den OP-Sälen dieser Welt. Das macht mich gleich schon wieder etwas gelassener. Und dann denke ich an den schönen Satz der amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Pearl S. Buck: »Große Tugenden machen einen Menschen bewundernswert, die kleinen Fehler machen ihn liebenswert.« Wer, und gerade welcher »Politiker«, wäre denn nicht gerne als liebenswert angesehen? – »Darf ich mich vorstellen? Sie werden sich erinnern: Ich bin Ihr Kandidat, der mit dem Tippfehler!« – Vielleicht gereicht mir meine Schusseligkeit am Ende noch zum Vorteil? Wer weiß …

Man sagt ja, die demonstrative Kultivierung der Durchschnittlichkeit habe einem Helmut Kohl länger als jedem anderen seiner Vorgänger und Nachfolger die Gunst der Wählerschaft gesichert. Aber Gott bewahre: Der Mann ist wahrlich kein Idol und in jeder Hinsicht nicht meine Kragenweite. Mal ganz davon abgesehen, dass  ich nicht an Zäunen rüttele. Weder in Mülheim, noch in Bonn und erst recht nicht an der Spree.

Vielmehr klopfe ich in den kommenden Wochen an Türen, und zwar an die meiner möglichen Wählerinnen und Wähler. Die möchte ich nach wie vor (noch besser) kennenlernen. Dann werde ich wissen, wie unverzeihlich mein sprachlicher Fehltritt wirklich war. Dabei setze ich darauf, dass am Ende zählt, was ich und die SPD in Heißen und auf der Heimaterde bis dato für die Menschen hier vor Ort erreicht haben. Ich weiß zwar durchaus, dass Eigenlob stinkt, aber ich will ehrlich sein: Es kann sich sehen lassen – überzeugen Sie sich selbst. Und davon ab: Wenn uns nicht mehr anzukreiden ist, als ein Tippfehler auf einem Flugblatt, dann haben wir verdammt viel richtig gemacht!

Und derweil beginne ich, dem schadenfrohen Denunzianten insgeheim zu danken: Für seine Tat und die Aufmerksamkeit, die mir womöglich dadurch zuteil wird. Nichts ist im Wahlkampf willkommener, als Aufmerksamkeit. So mancher macht sich bedenkenlos zum Affen für ein paar Minuten dieses kostbaren Gutes. Sollte mir dies nun widerfahren wegen eines einzigen Buchstabens zu viel auf einem Flugblatt – ich könnte mich glücklich schätzen über so viel ausgleichende Gerechtigkeit: Ganz so, wie ich dem unbekannten Anschwärzer ohne Absicht einen stillen Moment des hämischen Glücks geschenkt habe, so hätte er auch mir unabsichtlich etwas Gutes getan. Hochtrabend ausgedrückt gewissermaßen als ein Teil von jener Kraft gewirkt, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Die Welt quasi wieder im Einklang. Das wäre mir nicht unrecht, wie der geneigte Leser verstehen wird.

Und damit kann ich dann doch noch beruhigt ins Bett gehen. Meiner komentengleichen, kommunalpolitischen Karriere steht nun doch nichts mehr im Wege. Sie ist doch nocht nicht am Ende, ehe sie begonnen hat. Und das ist der Moment, in dem mir einfällt, was meine Frau mir just heute zu berichten hatte: Der Bruder einer ihrer Freundinnen ist verstorben. Krebs. Mitte Zwanzig. Wissen Sie was? Buchstäblich zum Teufel mit dem Tippfehler. Und allen weiteren, die Sie womöglich in diesen Zeilen entdecken mögen. Machen sie damit, was Ihnen gerade einfällt. Schicken Sie sie meinethalben auch noch an die Zeitung – die kennen das schon von mir. Und von sich selbst am Ende des Tages auch, manchmal jedenfalls.

In diesem Sinne – nicht vergessen: »Ich bin Ihr Kandidat am 25 Mai. Sie wissen schon: Der mit dem Tippfehler!« Frei nach dem Motto: »Wählt SPD! Da werden Sie geholfen!« Oder so ähnlich …

P.S. Das besagte Flugblatt finden Sie übrigens hier. Allerdings korrigiert. Man muss es ja auch nicht übertreiben mit der Selbstgeißelung.

P.P.S. Ach ja: Mehr über mich können Sie hier in Erfahrung bringen.

P.P.P.S. Jetzt ist wirklich Feierabend. Gute Nacht!

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