Sage mir nicht, was Du wählst, und ich sage Dir, was Du bist …

Foto (DM) der "Zeit", Nr. 37/2013 ...

Foto der „Zeit“, Ausgabe 37/2013.

Die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ hat in ihrer neuesten Ausgabe (Nr. 37 v. Do., 5. September 2013, s. hier; eine erste, lesenswerte Reaktion auf die Geschichte kam übrigens von Michael Angele vom „Freitag“, s. hier) insgesamt 48 prominente Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft nach ihrer Wahlpräferenz bei den anstehenden Bundestagswahlen befragt. Das Ergebnis war ernüchternd. Eine klare absolute Mehrheit der Befragten sah sich entweder nicht willens oder in der Lage, überhaupt eine Aussage zu treffen.

Abgesehen davon, dass sich über den Kreis der Befragten und seine Auswahl durch die Redaktion der „Zeit“ gewiss trefflich streiten ließe, ist es doch bemerkenswert, wenn mehr als die Hälfte der Befragten wahlweise Mut oder Interesse fehlt, eine politische Stellungnahme abzugeben. Dass einige – Nils Minkmar vom Feuilleton der FAZ oder die Schauspielerin Maria Furtwängler – in wohltemperierten Worten erläutern, wieso es just ihnen angesichts ihrer beruflichen Position nicht gut anstünde, sich zu dieser oder jener Partei zu bekennen, mag man noch akzeptieren, auch wenn man sich fragt, warum eigentlich. Fürchten besagte Personen um ihre Reputation? Oder gar berufliche Nachteile? Und wenn dies so sein sollte: Was sagt die vorauseilende Kastration der eigenen, freien Meinungsäußerung über den Zustand der unserer Gesellschaft aus?

Was hier zum Ausdruck kommt, ist eine Art intellektuelle Dünkelhaftigkeit, die ein prinzipielle Äquidistanz zu Politik im Allgemeinen und Parteien im Besonderen wahrt, weil politisches Engagement – und das Bekenntnis einer bestimmten Parteipräferenz gehört hier wohl schon dazu – offenbar als unziemliches Eintauchen in die Niederungen des Parteienstreits betrachtet wird. Und von dem hält sich der durchschnittliche deutsche Intellektuelle offenbar immer noch recht gerne fern. Man möchte meinen, die Uhr der gesellschaftlichen Entwicklung sei für einige der Befragten im Spätwilhelminismus stehengeblieben, wo vermeintliche „Überparteilichkeit“ als Kardinaltugend der besseren Kreise galt.

In der Gegenwart kommt diese Haltung gerne als eine Art resignatives Aufstöhnen daher, getreu dem Motto, „die“ Politiker könnten die Probleme ja ohnehin nicht lösen, so dass auch der Gebrauch des Stimmrechts ohnehin beliebig und damit irrelevant geworden sei. Damit bringen jene, die sich dieser Argumentation bedienen, auf mehr oder weniger subtile Weise nichts anderes zum Ausdruck, als die Einschätzung, persönlich viel klüger als alle gegenwärtigen Verantwortungsträger zu sein – schließlich ist man in der Lage auf einen Blick zu erkennen, worin die Probleme dieses Landes bestehen und warum „die“ Politik unfähig sei, sie zu lösen. Wer auch nur indirekt eine solche Aussage zu treffen wagt, sieht sich selbst erhaben über den Dingen schweben.

Und doch ist eine solche Haltung nur wenig von der nicht minder pauschalisierenden Verdammung entfernt, die am entgegengesetzten Ende der gesellschaftlichen Hierarchie gerne gebraucht wird: „Die da oben …“. Beendet wird diese stehende Redewendung dann gerne mit scheinbar unwiderlegbar zutreffenden und mithin allerorten anwendbaren Aussagen wie: „ …machen doch eh was sie wollen“, „ …machen sich die Taschen voll“ oder „ … interessieren sich ja für unsereinen nicht“. Vom Standpunkt der sprachlich institutionalisierten Politikverachtung aus betrachtet, ist die gesellschaftliche Schere zwischen arm und reich in Deutschland durchaus nicht weit geöffnet.

Doch zurück zur „Zeit“ und ihrer Umfrage. Betrachtet man die Gruppe der Auskunftsverweigerer, überwiegen jene, die mal mehr, mal weniger geistreich erklären, dass sie zwar wählen gehen, aber nicht darüber sprechen wollen, wem sie ihre Stimme denn nun gegeben haben beziehungsweise geben werden. Warum? Weil wirklich zu fürchten steht, dass Eckard von Hirschhausen demnächst vor halbleeren Sälen auftreten muss, weil er nach einem möglichen Wahlbekenntnis von der einen oder anderen Hälfte unserer Gesellschaft boykottiert würde? Oder sich Uwe Tellkamps Bücher nicht mehr verkauften? Oder besagte Maria Furtwängler keine Rollen mehr bekäme? Man könnte auch die Frage stellen, wieso Martin Walser oder Ulrich Mathes weniger sorgenvoll in dieser Hinsicht sind.

Was hier zum Ausdruck kommt, ist eine Form von Konfliktunwilligkeit, die jede Form von Auseinandersetzung als unschön, unappetitlich und unanständig betrachtet. Streit ist nicht gut. Wir wollen Harmonie und Eintracht. Dabei wird rasch vergessen, dass aus diesen beiden Idealen, wenn man sie überdosiert, jene Lethargie und vermeintliche Ununterscheidbarkeit der Parteien erwächst, die dann auch wieder als Anlass dient, Politik und Parteien in Bausch und Bogen zu verdammen. Alles hoffnungslos also?

Nein, durchaus nicht. Denn ein Ausweg aus dem sattsam beklagten Dilemma besteht in einem bewussten Bruch mit den bisherigen Verhaltensmustern. Reden wir über Politik, und zwar ernsthaft. Wie schön wäre es doch, wenn sich niemand Gedanken machte, welche Befindlichkeiten es wohl auslöste, wenn er oder sie öffentlich zu seiner beziehungsweise ihrer Wahlentscheidung stünde? Was drohte diesem Lande schlimmeres, als eine lebendige Streit- und Debattenkultur?

In diesem Sinne: Ich wähle SPD. Völlig überraschend …

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