Götze goes Bayern

Ein wenig überrasche ich mich gerade selbst. Als heute Morgen die ersten Medien die Kunde vom bevorstehenden Wechsel von Mario Götze zum FC Bayern München vermeldeten, da mochte ich das noch nicht wirklich glauben (auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, dass an den Gerüchten nichts dran ist, sonst hätten Götze und der BVB ja umgehend dementiert). Und als der BVB in einer Pressekonferenz am späten Vormittag die Richtigkeit der Berichte bestätigt hat, war es schon so, dass ich ganz persönlich Enttäuschung gefühlt habe. Nicht, dass ich BVB-Fan wäre. Nicht, dass ich naiv an das Gute im Menschen glaubte. Nicht, dass es mich überrascht hätte, dass die Meldung just heute publik wird. Nicht, dass ich irgendwie persönlich davon tangiert wäre, für welchen Verein Mario Götze in Zukunft seine Schuhe schnüren wird.
Und doch: Das, was der BVB in den letzten Jahren aufgebaut hatte, war in vielerlei Hinsicht ein bewusstes Gegenmodell zum FC Bayern München: Einer Mannschaft Zeit geben, sie aufbauen und gezielt mit Spielern verstärken, die nicht nur sportlich, sondern offenbar auch menschlich ins Vereinsgefüge passen. Dass sich Marco Reuß, vor die Wahl gestellt, in Dortmund oder München zu unterschreiben, für Dortmund entschied, war ein wichtiger Fingerzeig für das, was sich dort zu entwickeln begonnen hatte. Und nun?
Dass der FC Bayern nun wieder zu dem altbekannten – und leider auch bewährten – Mittel greift, sich sportlicher Konkurrenz zu entledigen, indem man Mannschaften auseinanderkauft, ist in gewisser Weise nur der letzte, endgültige Beweis, dass der BVB in den letzten Jahren sehr viel richtig gemacht hat. Doch kann das einen BVB-Fan heute wohl kaum trösten. Auch wenn die Entscheidung der Münchner, Götze zu kaufen, nicht derartig dstruktiven Überlegungen entsprang, sondern schlicht auf den neuen Trainer Pep Guardiola zurückging, der bekanntlich auf Spielertypen wie Götze steht, macht der Transfer die Bundesliga in der Tat zur Farce. Die Spannung, die mit dem sportlichen Aufstieg des BVB in den letzten Jahren in der Liga wieder aufgekommen war, ist verschwunden; alles andere, als eine mindestens mittelfristige Dominanz der Bayern in der Liga ist momentan schwer vorstellbar – es lebe die tabellarische Eintönigkeit.
Und was meie persönlichen Befindlichkeiten betrifft: Ich bin enttäuscht nicht über Mario Götze oder den FC Bayern München. Beide haben sich exakt so verhalten, wie sich ein übermäßig begabter Spieler und ein überdurchschnittlich finanzsstarker Verein eben verhalten. Enttäuscht bin ich eherüber mich selbst: Dass ich geglaubt habe, die Marktgesetzlichkeiten seien im Falle der jungen und ich gestehe – durchaus sympathischen – Mannschaft des BVB außer Kraft gesetzt. Dass ich mir vielmehr vorgestellt habe, es gäbe überhaupt Mittel und Wege, eben diese Marktgesetzlichkeiten außer Kraft zu setzen. Dass ich mch von einer solchen Nachricht überhaupt angesprochen fühle.
Denn wie gesagt: Was habe ich davon, für welchen Verein Mario Götze demnächst seine Schuhe schnürt? Eben. Nichts. Und seien wir ehrlich: Wäre es nicht das Münchner Festgeldkonte gewesen, dann eben früher oder später die Geldkatze eines russischen oder arabischen Vereinsbeseitzers von der Insel. Und davon ab: Im Falle des anderen Jahrhunderttalents – Ricken hieß es, glaube ich, – hat es Verein und Spieler letztlich auch nichts gebracht, dass der dem BVB ewig die Treue gehalten hat. Insofern …
Und außerdem: Ich wäre ja nur froh, wenn mein Verein aus der Nachbarstadt Bochum irgendwann einmal die Schmach verkraften müßte, den besten Spieler für 37 Mio. € ziehen lassen zu müssen. Nicht, dass mein VfL nicht schon immer große Talente hätte gehen sehen, im Gegenteil. Nur hat es sich neben der persönlichen Enttäuschung beim VfL auch eben nie finanziell rentiert, die immer wieder die besten ziehen zu lassen. Und wenn ich so darüber nachdenke, dann ist das Wehklagen, das momentan ob des Wechsels angestimmt wird, tatsächlich ein Stöhnen auf recht hohem Niveau. Und jetzt weiß ich es: Ich bin enttäuscht, weil ich als leidgeplagter Anhänger des VfL Bochum solche Sorgen gerne auch einmal hätte – wenigstens für einen Tag. Aber hier, „wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld“, haben wir ja jetzt Peter Neururer – und der ist mit Geld eh nicht zu bezahlen …

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