Bild eines toten Kindes am Strand

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Auch die sozialen Netzwerke reagieren. (© Björn Uhde)

Dass Flüchtlinge zu Hunderten und – über ein Jahr hinweg – zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken, ist ein Faktum, das wohl jedem Mitteleuropäer bekannt ist. Zugleich sind die Berichte über den Tod von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer (oder, wie jüngst, zu Dutzenden im Laderaum eines LKW in Österreich) so alltäglich geworden, dass offenkundig bereits eine schleichende Gewöhnung eingesetzt hat. Das Leiden Anderer lässt sich, sofern es aus der Perspektive des heimischen Fernsehsessels geschieht, leichthin betrachten, ohne dass es mich berührt; vor allem dann, wenn das Leid namen- und grenzenlos ist.

Adolf Eichmann, einer der Planer der arbeitsteilig organisierten Ermordung der europäischen Juden, wird der Satz zugeschrieben: »100 Tote sind eine Tragödie, 100.000 Tote sind eine Statistik.« Und tatsächlich ist medial erlebtes Leid nur dann in der Lage, Empathie zu wecken, wenn es konkret ist, ein Gesicht, einen Namen hat. Bisher war dies bei der Berichterstattung über die Lage der Flüchtlinge an den Außengrenzen Europas nicht der Fall und auch die Bilder zerbombter syrischer, irakischer, afghanischer, eriträischer, nigerianischer oder malischer Städte waren insofern beliebig, als sie austauschbar waren.

Mit dem Bild des toten Kindes, das in der Dünung des Mittelmeeres an einem türkischen Strand nahe der Stadt Bodrum liegt, hat sich dies geändert: Ailan Kurdi, so lautete nach Angaben türkischer Behörden der Name des toten dreijährigen Jungen. Er war, so wird momentan u.a. in der FAZ berichtet, mit seiner Familie aus dem syrischen Kobane geflohen und hatte sich mit ihr offenbar in die Hände von Schmugglern oder Schleusern begeben, um die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer nach Europa, in vermeintliche Sicherheit, zu wagen. Beiläufig erfährt der Leser der Presseberichterstattung, dass wohl auch Ailans Bruder die misslungene Überfahrt nicht überlebt hat.

Schon diese zusätzliche Nachricht über den ohne Frage nicht minder tragischen wie traurigen Tod des Bruders berührt den Leser und Betrachter nicht in der gleichen Weise. Denn während es von seinem Bruder Galip kein Foto gibt, hat es der kleine, tote Ailan geschafft, zu einer wahrlich traurigen Berühmtheit zu werden – eben weil die hinlänglich bekannten Bilder seiner Leiche in allen Medien dieser Welt Verbreitung finden. Und man muss sagen, auch wenn es zynisch klingt: Diese traurige Berühmtheit wird ihm nur deswegen postum zuteil, weil er ein Kind von drei Jahren war und weil er nun eben tot ist.

Der Tod geht in allen bekannten Kulturen stets einher mit dem Bemühen um Sinnstiftung. Die Hinterbliebenen versuchen, den Tod eines geliebten Menschen in eine Erzählung zu betten, die es ihnen leichter macht, seinen Tod und die Lücke, die dieser in ihrem Leben hinterlassen hat, zu akzeptieren oder zumindest zu ertragen. Auch Staaten und Gesellschaften verfahren ähnlich, etwa wenn es darum geht, der eigenen Kriegstoten zu gedenken.

Insofern ist vorhersehbar, was dem toten Ailan Kurdi bestimmt ist: Das Bild seiner Leiche ist insbesondere dank der elektronischen Medien binnen Stunden zur Ikone des Flüchtlingsschicksals insgesmat geworden. Und es wird nicht lange dauern, bis sich erste Stimmen vernehmen lassen, die mit genau dieser Argumentation den völlig sinnlosen, überflüssigen und vermeidbaren Tod den Jungen und seines Bruders entsprechend verklären. [Update: Es geht schon los; vgl. Kommentar der WiWo.] Das tragische daran ist, dass eine solche Sicht auf Ailans Tod zynisch und richtig zugleich ist. Zynisch, weil die bisherige, verbreitete Ignoranz und Hartherzigkeit dem Schicksal der Flüchtlinge gegenüber vor allem Resultat der Abstumpfung gegenüber stets gleichen Bildern massenhaften Elends ist, wie ich es oben beschrieben habe. Wer wollte, wer seine üblichen Wahrnehmungsmuster zu überwinden bereit war, hatte schon vorher sehen können. Eines weiteren toten, drei Jahre alten Kindes hätte es dazu eigentlich nicht bedurft. [Update: So argumentiert u.a. die NZZ, während der »Stern« und ansatzweise auch »Die Zeit« die gegenteilige Auffassung vertritt.]

Doch zugleich ist die beschriebene Sinnstiftung auch richtig beziehungsweise kann sich mittel- und langfristig als richtig erweisen. Nämlich dann, wenn durch die konkrete Zuspitzung des Elends aller Flüchtlinge insgesamt in dem einen, exponierten Schicksal des toten Ailan Kurdi endlich eine Lösung für die heute noch lebenden Flüchtlinge gefunden würde. Dazu brächte es vor allem eine handlungsfähige EU und sich ein wenig zurücknehmende EU-Mitgliedsstaaten. Und es bräuchte unter den Menschen in Europa ein wenig mehr Menschlichkeit. Wie weit es damit jedoch her ist, zeigen nicht zuletzt die jüngten Auftritte diverser bayerischer Landesminister, die vor laufenden Kameras von dem »wunderbaren Neger« Roberto Blanco fabulieren oder Flüchtlinge mit dem Hinweis willkommen heißen, dass ihnen ja klar sein müsse, dass es für sie wieder nach Hause ginge. Wenn schon die führenden Repräsentanten unseres Gemeinwesens durch derartige Entgleisungen erkennen lassen, wie viel strukturelle Antipathie und Mangel an Sensibilität sie mit sich in dieser Frage herumtragen, wie will ich jenen Durchschnittsbürgern begegnen, die ihren Ressentiments noch viel unverhohlener Luft machen?

Jeder sollte sich selber und seine persönlichen Einstellungen einmal prüfen: Mich selbst halte ich für einen mitfühlenden Menschen. Und doch mündete auch bei mir das durchaus vorhandene Problembewusstsein nicht eben in zielgerichtete Aktivitäten, konkret etwas zu ändern. Und auch ich habe an mir selbst in den zurückliegenden Wochen und Monaten bemerkt, wie die immer gleichen Nachrichten über ertrunkene Flüchtlinge immer weniger Resonanz bei mir fanden. Mit dem Bild des toten Ailan Kurdi hat sich – zumindest emotional – noch einmal etwas verändert. Ich war berührt. Wohl wissend, dass die durch die mediale Berichterstattung vorgenommene Verdichtung des Schicksals aller Flüchtlinge in der Person des toten Kindes letztlich auch eine Konsruktion ist. Und dennoch: Die bildsprachliche Macht eines per se nicht-sprachlichen Bildes wirkt hier – zumindest bei mir – ganz besonders. Der Grund dafür ist simpel. Auch in bin ein Vater. Mein Sohn ist wenig älter als der tote Ailan. Zwar ist das Haar meines Sohnes nicht dunkel, doch wenn er schläft und dabei auf dem Bauch liegt, tut er das oft in einer Körperhaltung, die der des toten Ailan am Strand von Bodrum nicht unähnlich ist. Wie wohl viele Eltern habe ich in manchen Nächten unwillkürlich die Hand auf den Rücken oder die Brust meines Sohnes gelegt, nur um die letzte, irrationale Gewissheit zu haben, dass der kleine Mensch da vor mir in seinem Bett auch wirklich noch atmet.

Von Ailan Kurdi wissen wir, dass er das nicht mehr tut. Er ist tot. Und als ich sein Bild das erste Mal sah, gingen mir all die gerade geschilderten Assoziationen hinsichtlich meines Sohnes augenblicklich durch den Kopf. Ich habe Empathie entwickelt, weil mir der Anblick des bäuchlings liegenden Kindes so schrechlich vertraut ist. Weil mich für einen kurzen Moment die Angst durchzuckt hat: »Der sieht aus wie Deiner!« Natürlich ist das eine emotionale und hochgradig irrationale Reaktion. Aber was anderes als Emotion ist denn Empathie letztlich?

Ich weiß nicht, ob andere Menschen oder selbst andere Eltern meine Reaktion und die geschilderte Assoziationskette nachempfinden können. [Updaten: Offenbar ja, wie die künstlerische Verarbeitung des Fotos im Netz belegt; vgl. Artikel der britischen »Huffington Post«.) Ich weiß aber, dass dieses Foto für mich persönlich etwas geändert hat. Ich will etwas dazu beitragen, dass sich etwas ändert. Dabei ist dieser Text für mich insofern ein Anfang, als er mir beim Schreiben geholfen hat, meine Gedanken zu sortieren. Ich kann (noch) nicht sagen, was ich mache. Aber ich werde etwas machen.

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