Gute Freunde im Netz …

HINWEIS: Der Text stammt aus dem Frühjahr; ich habe ihn seinerzeit nicht veröffentlicht, weil ich den Hetzern und Brandstiftern, die hier Erwähnung finden nicht noch unnötig Raum und Aufmerksamkeit geben wollte. Denn ursprünglich diente das Abfassen auch eher der persönlichen Aggressionsbewältigung angesichts derart viel Borniertheit und dumpfem Hass. Nachdem sich derartige Ein- und Auslassungen jeeoch über den Sommer hinweg zu einem unseligen cantus firmus im Netz entwickelt haben, habe ich entschieden, den Beitrag nun doch online zu stellen.

 

In der vergangenen Woche berichtete die Mülheimer Lokalredaktion der Neuen Ruhr Zeitung (NRZ) über ein Positionspapier der örtlichen AfD zum Thema Flüchtlingsunterbringung in unserer Stadt. Der Bericht mit dem vielsagenden Titel »Der Wolf im Schafsfell« legte deutlich dar, dass die politische Rhetorik des in Mülheim bisher betont seriös und gutbürgerlich auftretenden Kreisverbandes in besagtem Papier zumindest grenzwertigen sei. Wider besseres Wissen werden da mit dem sattsam bekannten Einwand des Wertverlustes von Immobilien im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften argumentiert. Hinzu kommen unbewiesene Behauptungen, etwa die, dass mögliche Umzüge von Bewohnern einiger Häuser an Mellinghofer Straße und Frohnhauser Weg, die dem Zweck dienen sollen, dort Flüchtlinge unterbringen zu können, nicht freiwillig seien, obwohl genau dies sowohl seitens Stadt Mülheim und Wohnungsgesellschaft SWB ausdrücklich betont worden ist. Der Gipfel jedoch ist die Überlegung, dass Mülheimerinnen und Mülheimern in Zukunft wohl Zwangseinquartierungen buchstäblich ins Haus stünden. Die NRZ (s.o.) hat zu dieser polemischen Stimmungsmache alles Notwendige gesagt. Ich habe meine Zustimmung zum Artikel und den darin gezogenen Schlussfolgerungen der NRZ im Netz zum Ausdruck gebracht, und zwar sowohl auf Facebook als auch auf Twitter.

Ich habe mir daraufhin den Beitrag auf der Facebook-Seite der AfD angesehen …

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… und dabei festgestellt,  dass eine Person, die diesen Beitrag geliked und geteilt hat, in seiner Timeline einige Beiträge öffentlich geteilt hat, die aufmerken lassen. Lassen wir die Bilder für sich selbst sprechen:

  

Und:

Der menschenverachtende Tenor der Beiträge braucht wohl keine weitere Erläuterung. Das habe ich zum Anlass genommen, die NRZ auf diesen Umstand hinzuweisen; s. hier.

Reaktionen auf Twitter kamen relativ prompt. Das Niveau und die übliche Methode, argumentativ Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, hat dabei nicht überrascht. Letztlich schien das Thema erledigt.

 

 

Heute dann nahm das Thema eine weitere Wendung. Ein neuer Akteur mischte sich in die Debatte ein und das Niveau dessen Einlassungen fiel noch einmal dramatisch ab.

Damit nicht genug: Es sollte noch besser werden …

 

 

Ich fasse Zusammen: Der durchweg anonym auftretenden AfD-Anhängerschaft in den Weiten der sozialen Netzwerke war mein Verweis auf die menschenverachtenden Beiträge eines ihrer Gesinnungsgenossen offenbar so an die Nieren gegangen, dass sie ihre ohnehin nur in homöopathischen Dosen vorhandene Contenance vollends verloren.

Aus mir machte das – ich fasse die diversen Ausfälligkeiten der obigen Twitter-Konversation einmal zusammen – eine »Linke, kinderfickende Sytemnutte«. So weit, so lächerlich. Bezeichnend auch, dass der Verweis auf die strafrechtliche Relevanz der getätigten Aussagen zunächst mit großsprecherischen Floskeln hinsichtlich der vermeintlichen Illegitimität der deutschen Judikative beantwortet wurde, ehe dann verbal letztlich doch merklich kleinere Brötchen gebacken wurden.

Was die Ahndung dieser massiven Beleidigungen anbetrifft, werde ich mir reiflich überlegen, wie ich darauf reagieren werde. Zumindest werde ich eine Nacht darüber schlafen. Davon abgesehen geht es hier jedoch noch um etwas anderes, nämlich die Seitens der AfD-Verteidiger ins Feld geführten Argumentationsmuster. Man versteht sich als Vertrter und Verteidiger einer Wahrheit, die vom herrschenden »Sytem« ignoriert, unterdrückt, verfälscht wird.

Dazu passt auch die obige Reaktion auf meinen Hinweis, dass eine Strafeanzeige gestellt sei. Dass ich diese Strafanzeige tatsächlich nie gestellt habe, sondern den Hinweis darauf nur als eine Art pädagogisches Hilfsargument genutzt habe, spielt dabei letztlich keine Rolle. Entscheidend ist vielmehr die Reaktion: Zumindest vorgeblich fühlte sich mein Widerpart nicht berührt, sondern konterte, indem er die Legitimität der Staatsanwaltschaft wegen angeblicher Parteilichkeit grundsätzlich infrage stellte. Dies ist ein aktueller Trend: Wenn ich die Legitimität der Staatlichkeit der BRD in Zweifel ziehe – mit welchen kruden Argumenten auch immer – liefere ich mir damit sogleich selbst auch ein Argument, warum ich mich an die Regeln, die dieser Staat und diese Gesellschaft vorgeben, nicht mehr halten muss. Greift diese Geisteshaltung um sich, ist in nicht mehr allzu ferner Zukunft der soziale und gesellschaftliche Frieden in diesem Land vollends in Gefahr. Denn es gilt nach wie vor das Diktum des Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde, wonach die Demokratie letztlich nicht in der Lage sei, selbst jene Grundlagen zu garantieren, auf denen Sie beruht. Will sagen: Demokratie ist nur dann, wenn wir uns demokratisch benehmen, d.h. die Umgangsformen und Regeln achten, die wir als Gesellschaft für uns definiert haben.

Wenn nun immer mehr Menschen diesen Konsens aufkündigen, indem sie diese Regeln nicht mehr achten, wird es kritisch. Dabei wähnen sie sich im Besitz einer geheimen Wahrheit, die der fehlgeleiteten, breiten Masse letztlich gar nicht einleuchten will. Wer aber vermeintlich im Besitz der Wahrheit ist, braucht in der Auseinandersetzung keine Rücksichten üben, denn sein Feind ist ja die Lüge bzw. Unwahrheit. Diese Geistehaltung ist der Mentalität der sich im göttlichen Auftrag wähnenden Kreuzritter einst oder der islamistischen Fanatiker heute sehr ähnlich. Man könnte sagen: In der Formensprache der politischen Auseinandersetzung berühren sich die Extreme.

Das alles ist nicht neu. Im Gegenteil. Es leider schon eine latente Gewöhnung an derlei Phänomene gegeben und das vermeintlich urdemokratische Internet entpuppt sich derzeit als ein mehr oder minder rechtsfreier Raum. Wenn wir nicht wollen, dass auch unsere Gesellschaft eine Entwicklung nimmt, wie sie zum Teil im Netz schon erkennbar ist, müssen wir einsehen, dass Toleranz gegenüber Intoleranz nicht länger trägt.

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